Sonntag, 13. Mai 2012

Traumarbeit: Das Wiedererleben des Traumzustandes I

In 'Durch Traumarbeit zum eigenen Selbst' beschreibt Strephon Kaplan Williams eine weitere sehr interessante Technik, mit der man kreativ mit seinen Träumen arbeiten kann:


Das Wiedererleben des Traumzustandes

Diese Technik entwickelte er um 1972 während seiner Arbeit mit Jugendlichen in einem Heim in Berkley. In seinem Buch bezeichnet er diese als eine der wichtigsten Methoden, die er im Laufe seiner Arbeit entwickelt hat.
Williams fiel im Zuge seiner therapeutischen Arbeit auf, dass die Träume der meisten Menschen zwar Konflikte wiederspiegelten, aber keine Lösungen aufzeigten oder zu einem befriedigenden Abschluss kamen.

So entwickelte er die Methode, einen bereits erlebten Traum nochmals erleben zu können und zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen bzw. eine Lösung für ein bestehendes Problem zu finden.
Diese Herangehensweise ermöglicht es, direkt mit und in den Träumen zu arbeiten, anstatt sie lediglich zu deuten oder auszudrücken.

Das selbstständige Wiedererleben des Traumzustandes

Die Durchführung der Technik ist recht einfach, eigentlich so einfach, dass ich mich frage, warum nicht mehr Leute im Lauf der Geschichte auf diese Idee gekommen sind.
Man beginnt, indem man sich einen Traum, den man gerne wiedererleben möchte, aus der näheren Vergangenheit auswählt. Man sucht man sich einen ungestörten Ort und legt oder setzt sich bequem hin.
Mit ein paar entspannten Atemzügen kann man den Geist freimachen und sich in einen entspannten, offenen Zustand versetzen.
Nun kann man die Traumszene vor dem geistigen Auge neu erscheinen lassen. Man konzentriert sich auf die Situation und auf die Gegenstände im Traum und irgendwann lässt man die Traumhandlung von Neuem beginnen. Wie stark man die Traumbilder visualisiert ist wohl typabhängig. Manchen reicht ein Gefühl aus, zu wissen, dass die Traumpersonen da sind, andere erleben den Traum so intensiv, dass sie das Gefühl haben, sie befänden sich wieder mitten im Traumgeschehen.

In der aufsteigenden Traumszene kann man aktiv handeln und in die Szene eingreifen, oder aber den Traum geschehenlassen.
Das war schon alles, was man an Technik erklären kann. Es ist wirklich total einfach und man hat den Bogen schnell raus.
Die Erinnerung an den Traum scheint ein derart starker Anker zu sein, so dass man dadurch unheimlich schnell in einen meditativen, traumartigen Zustand gelangt.


Bei manchen wirkt die Technik besser, wenn sie etwas müde sind, bei anderen, wenn sie eher wach sind. Möglicherweise kann man mit etwas Übung und ausreichender Müdigkeit direkt wieder in einen Traum einsteigen (DEILD).

Strephon Williams gibt ein Beispiel aus seiner Therapiepraxis an, was mich doch ziemlich beeindruckt hat.[1]

[Die Träumerin] ging mit [ihrer] Mutter, die sie noch vor Einbruch der Nacht zu einem Gasthof bringen musste, eine Straße entlang. Doch Straßenarbeiter wollten sie nicht durchlassen, obwohl die Straße frei war. Sie bat sie um Erlaubnis, und sie gestattenten ihr das Weitergehen - unter der Voraussetzung, dass sie ihre Ausrüstung nicht anfasse.
 Die Träumende kam zu ihm in die Praxis, weil sie selbstsicherer und selbstbewusster auftreten möchte. Sie bekam in dieser Sitzung die Traumarbeitsaufgabe von Williams, diesmal nicht um Erlaubnis zu bitten, sondern einfach den Arbeitern zu sagen, dass sie jetzt hier hindurchgehen werde und das auch zu tun.
Sie glitt wieder in den Traumzustand und führte ihre Aufgabe aus und fühlt sich dabei sehr gut.  Während der nächsten Wochen schien ihr Unbewusstes auf den wiedererlebten Traum zu antworten und sie hatte folgende Träume [2]:
Ich bin in Paris und ging dieselbe Straße entlang, um an einen bestimmten Ort hinzugehen. Doch die Straße erwies sich als Sackgasse. Ich ließ mich aber davon nicht aufhalten, betrat das letzte Haus, stieg trotz der Einwände der Bewohner die Treppe hinauf und setzte meinen Weg fort.
und 
Ich war in meinem Heimatort in Frankreich und fuhr mit dem Velo durch eine enge Straße, die von zwei Autos blockiert wurde. Ich fuhr zwischen ihnen durch - ohne zu stoppen oder zu fragen. Dann kam ich zu einer mächtigen Mauer aus Steinen. Es schien kein Durchkommen zu geben. Aber es gab doch noch eine Tür, die sich leicht öffnen ließ. Ich schlüpfte durch- mit meinem Hund an der Leine. Auf der anderen Seite erblickte ich die Hügelzüge einer wunderschönen Landschaft. Auf eine Höhenzug stand eine kleine Hütte, in der ein Priester lebte. [...]
Beeindruckt hat mich, dass Träume sozusagen eine Art Antwort geben. Strephon Williams nennt das 'Bestätigungsträume'.
Die Träumerin erlebte nach diesen Sitzungen und den darauffolgenden Träumen einige Änderungen ihres Verhaltens im Wachleben. Sie traute sich mehr zu, setzte sich häufiger durch und übernahm spannende Aufgaben in ihrem Leben.

Das Wiedererleben des Traumzustandes unter Anleitung

Das Wiedererleben des Traumes unter Anleitung unterscheidet sich vom selbstständigen Wiedererleben nur dadurch, dass der Träumer mit einem Traumleiter Kontakt hält, während er den Traum von Neuem erlebt.
Das kann in einer Traumgruppe oder in einer Einzelsitzung, etwa bei einem Coach oder einem Therapeuten, aber auch mit einem guten Freund,  passieren.
Wichtig ist, dass die leitende Person sensibel auf die Stimmung des Träumers reagiert und ihn seine Erfahrung machen lässt. Es soll nur in Ausnahmefällen eingegriffen werden, um den Traum in Richtung einer Lösung zu lenken.
Der Träumer ist jederzeit frei, die Anweisungen oder Ratschläge des Leiters zu befolgen oder auch nicht. Dessen sollte sich der Leiter bewusst sein.

Robert Moss beschreibt in 'Fingerzeige des Schicksals' eine sehr ähnliche Technik, die er 'Wiedereintritt in den Traum' nennt. Er empfielt noch, während des Träumens langsames Trommeln, etwa in der Frequenz des Herzschlages, zu hören.

    Siehe auch

    Durch Traumarbeit zum inneren Selbst bei Amazon.de
    Fingerzeige des Schicksals bei Amazon.de
    Hypnagogic Report im Klartraum-Wiki

    Das Zwiegespräch mit den Traumfiguren
    Das Traum-Ich beobachten

    Anmerkungen

    [1] Williams, S. Durch Traumarbeit zum eigenen Selbst, S. 208
    [2] ebenda, S. 209

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