Dienstag, 30. Oktober 2012

Training im Klartraum

Als Sportler hat man im Klartraum die wunderbare Gelegenheit, komplizierte Bewegungsabläufe einzuüben. 
Frei von den Risiken aus dem Wachleben kann man eingentlich jede Sportart trainieren.
Im Buch 'Schöpferisch Träumen' berichtet der Autor Paul Tholey von einem Aikidoka, der eigentlich aus dem Karate kam und deshalb viele Probleme mit den weichen fließenden Bewegungen des Aikidos hatte. Nachdem er im Traum fleißig übte, gelang es ihm auch im Wachleben immer besser.

Auch Tholey selbst wendete das Training im Klartraum häufig selbst an. Im Alter von 38 Jahren begann er mit dem Skateboarden und wurde etwas weniger als zwei Jahre später, im Jahre 1975, Europameister. 
Bild: Daniel Erlacher: Motorisches Lernen im luziden Traum
Auch im Alter von 56 Jahren vollbrachte er fast unmögliches auf BMX-Rädern, hohen Einrädern, seinem Skate- und seinem Snowboard. So fuhr er auf einem Snowboard ohne Bindungen im Handstand den Berg herunter. [1]

Aber auch die aktuelle Sportwissenschaft interessiert sich für die Möglichkeiten des Trainings im Klartraum:
Daniel Erlacher verfasste seine Doktorarbeit über das motorische Lernen im Klartraum, wofür er im Jahre 2005 den Wissenschaftspreis der deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft erhielt. [2]

Er konnte unter anderem nachweisen, dass Probanden eine Wurfaufgabe besser bewältigen konnten, wenn sie diese in der Nacht zuvor im Klartraum geübt hatten.
Seine Befragungen ergaben, dass der Klartraum sowohl im Amateur- als auch im Leistungssport bereits von 4 - 30% der Sportler zu Trainingszwecken genutzt wird.[1]

Der zweifache Goldmedalliengewinner im Kampfsport Dr. Rory Mac Sweeney nutzt ebenfalls das Training im Klartraum. [4]

Wenn man jetzt immer im Klartraum trainiert, wird man dann auch muskulöser?

Bislang hat dieses Thema noch niemand ernsthaft untersucht, so dass keine genauen Daten vorliegen. Jedoch gibt es Studien über das mentale Training, also in der Vorstellung ausgeführte Bewegungen.
T. Einsiedel von der Universität Ulm untersuchte gesunde Probanden, die ihren Arm für drei Wochen in Gips gelegt bekamen, wie es bei verschiedenen Knochenbrüchen üblich ist. Nach diesem Zeitraum ist ein deutlicher Rückgang der Muskulatur wie auch der Bereiche im Gehirn, die für die Bewegung dieses Körperteils zuständig sind, zu erwarten.
Ein Teil der Versuchsteilnehmer bekam die Anweisung, mit dem Arm eine bestimmte Form des geistigen Trainings durchzuführen, die Kontrollgruppe jedoch nicht.
Die Studie kam zu folgenden Ergebnissen:
Das mentale Training verbesserte nach dreiwöchiger Ruhigstellung des Handgelenkes durch Gips signifikant die Dorsalextension und Ulnarabduktion im Vergleich zu Probanden ohne mentales Training. Mentales Training verringerte nach dreiwöchiger Ruhigstellung durch Gips die Atrophie der Unterarmmuskulatur bei Messung im MRT signifikant bzw. führt zu einer nicht signifikanten Zunahme von Muskelflächen am ruhigestellten Unterarm im Vergleich zu Probanden ohne Training (dort kam es zu einer signifikanten Muskelatrophie). Mentales Training beeinflusste nach dreiwöchiger Ruhigstellung durch Gips die für die Handgelenksbewegungen verantwortlichen motorischen Gehirnareale (Supplementär motorische Areal, Gyrus präcentralis, Putamen, Nukleus caudatus, präfrontaler Kortex, Thalamus und das Kleinhirn) im fMRT messbar signifikant im Vergleich zu Probanden ohne mentales Training. [3]
Soll heißen: Die Kontrollgruppe hatte deutlich messbaren Muskelschwund, während bei der Übungsgruppe die Muskeln sogar ein klein wenig zugenommen haben, was aber statistisch nicht relevant war.

Während des Traumes ist jedoch der Geist durch die Bewegungsunfähigkeit im Schlaf deutlich stärker vom Körper getrennt, so dass von den geträumten Bewegungen nur ein Bruchteil an den tatsächlichen Muskeln ankommt. 
Die Handbewegungen im luziden Traum führen zu minimalen EMG-Aktivitäten in den tatsächlichen Unterarmen. Diese Aktivierungen im Unterarm werden dabei offensichtlich durch zentralnervöse Aktivitäten ausgelöst. [1]
Möglicherweise treten beim mentalen Training im Wachzustand stärkere EMG-Aktivitäten auf, die für den Muskelaufbau bzw. der Verhinderung des Muskelschwundes verantwortlich sind, während das Training im Traum einen stärkeren Einfluss auf die motorischen Areale im Gehirn hat.

Gegen eine Verhinderung des Muskelschwundes durch Training im Traum spricht auch die Tatsache, dass jeder Mensch während er sein Bein oder seinen Arm im Gips hat, sicherlich im Traum noch keines hat und deshalb auch vom Gehen träumt.

Genaueres könnten  zukünftige Studien zeigen.

Siehe auch:
Artikel über Paul Tholey in der Wikipedia
Dissertation von Daniel Erlacher mit biographischen Teil über Paul Tholey ab S. 147
Artikel in der Zeitung der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft über Training im Klartraum
Effectiveness of motor practice in lucid dreams: a comparison with physical and mental practice

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