Montag, 24. November 2014

Segmented Sleep - das vorindustrielle Schlafmuster

Der normale achtstündige Nachtschlaf wie wir ihn kennen scheint eine recht neue Erfindung des industrialisierten Zeitalters zu sein.
Der Historiker A. Roger Ekirch fand heraus, dass es in der vorindustrialisierten westlichen Welt üblich war, relativ zeitig mit dem Sonnenuntergang schlafen zu gehen, um dann nach etwa vier Stunden Schlaf aufzuwachen und für eine Stunde wach zu bleiben. In "At Day's Close: A History of Nighttime" schreibt er, dass diese Zeit häufig dafür genutzt wurde, um zu beten, über den Tag nachzudenken, Sex zu haben oder sogar die Nachbarn zu besuchen.
Während dieser nächtlichen Wachperiode schüttet das Gehirn vermehrt Prolaktin aus[1], was mit einem angenehmen Gefühl innerer Ruhe und Stille verbunden wird.

Unabhängig davon machte der Psychiater Thomas Wehr eine ähnliche Entdeckung: In einem Experiment setzte er eine Anzahl von Probanden über einem Zeitraum von einem Monat jeden Tag etwa 14 Stunden Dunkelheit aus und beobachtete deren Schlafverhalten. Zu Beginn zeigte sich, dass die Teilnehmer deutlich mehr als üblich schliefen, vermutlich um ein Schlafdefizit auszugleichen. Nach einiger Eingewöhnungszeit änderte sich jedoch ihr Schlafverhalten hin zu dem oben erwähnten Muster: Nach einem Kernschlaf von 4 Stunden erwachten die Probanden selbstständig und blieben zwei bis drei Stunden wach um sich dann wieder Schlafen zu legen[2].

Bei manchen Menschen zeigt sich dieses Schlafmuster noch heute. Leider interpretieren sie das Verhalten ihres Gehirns als Schlafstörung und versuchen vergeblich, möglichst schnell wieder einzuschlafen. Vielleicht sollte man in diesem Fall das Verhalten des Gehirns in seinen Tagesablauf integrieren. Für manche Tätigkeiten, etwa das konzentrierte Schreiben, scheint mir diese Zeit ja wie geschaffen.
Und Klarträumer können durch das serienmäßig eingebaute WBTB auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Klartraum hoffen.

Siehe auch:

Artikel über den Segmented Sleep in der engischen Wikipedia
Buchrezension zu "At Day's Close"
I used to be tired all the time too. 'Segmented sleep' solved that

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